Swing-Time


von Michaele Schneider am 16.03.2015

Zeitlose Melodien und große Liebesgeschichten

Mit Swing Time zeigt die Spessartgrotte in Langenprozelten eine wunderbare Hommage an die Superstars der Musikgeschichte
Es war eine Zeit, in der die großen Big Bands durch die Lande tourten. Unvergessene Musikgrößen wie Glenn Miller, Audrey Hepburn oder Frank Sinatra swingten sich durch die Jahrzehnte. Und auf der Leinwand begann die große Zeit der Musikfilme. "Swing Time" heißt es derzeit in Gemünden-Langenprozelten (Kreis Main Spessart). Astrid Andresen, Markus Wedde und Manuel Weinmann lassen vergangene Tage aufleben.
Bekannt ist die "Spessartgrotte" vor allem für ihre Boulevard-Komödien. Auch "Swing Time" unterhält kurzweilig. Doch Regisseurin Helga Hartmann setzt diesmal nur am Rande auf die Spaß-Karte, die kleine Bühne präsentiert sich erfrischend anders.
Doris Day (Astrid Andresen), Frank Sinatra (Markus Wedde) und Gene Kelly (Manuel Weinmann) treffen zufällig aufeinander. Sie plaudern über sich und ihre Kollegen, geben Einblicke in die Welt von damals, der Abend wird auf unterhaltsame Art zur Musikgeschichtsstunde. Auf der Leinwand flimmern die alten Filme.
Und das dreiköpfige Ensemble singt, tanzt und steppt sich davor zu Live-Piano-Klängen durch die Jahrzehnte - mal allein, mal im Duett, mal zu dritt. Grace Kelly, Marilyn Monroe und Judy Garland dürfen auftreten oder auch Dean Martin, Sammy Davis Jr. und Bing Crosby.
Gesanglich am stärksten ist Markus Wedde als "the Voice Mr. Frank Sinatra". Er schnippt sich cool durch "That's life", gibt dem Duett "Something stupid" fluffige Leichtigkeit und sorgt mit einem emotionalen "My Way" für Gänsehaut.
Nett auch seine Comedyeinlage als trinkfreudiger, arroganter Dean Martin.

Astrid Andresen sorgt ebenfalls immer wieder für Zwischenapplaus - etwa mit einer erfrischend beschwingten Version des Judy-Garland-Klassikers "Somewhere over the rainbow" oder einem gehauchten My heart belongs to daddy". Sehr ansprechend: Ihre sanften, tiefen, aber auch die jazzig-frechen Töne. Und nicht zuletzt optisch macht sie in herrlichen Abendkleidern und sexy Outfits jede Menge her.
Manuel Weinmanns gesangliche Stärke liegt am Premierenabend eher im Leisen, denn im Kraftvollen. Umso besser, dass er von vorneherein in erster Linie auf Show setzt: Er steppt und tanzt, das Gesicht strahlt, die Augen funkeln.
Das Publikum bejubelt seine "Singing in the rain"- Einlage. Weinmann zeichnet in "Swing Time" zudem für sämtliche Choreographien verantwortlich. Ein Spessartgrotten-Glücksgriff ist erneut Pianist Kevin Schlegel, der auch schon beim Steven-King-Klassiker "Misery" für die Live-Klavierbegleitung verantwortlich zeichnete. Schlegel kann Improvisation, Emotion, jazzige Coolness und die nötige Zurückhaltung beim Begleiten.
Die Bühne hält Helga Hartmann schlicht, ein blauer Glitzervorhang, zwei Barhocker und das Piano genügen völlig. Umso mehr rücken die Ensemblemitglieder und mit ihm die großen Stars der vergangenen Zeiten in den Fokus - auf der Bühne selbst, aber auch auf die Leinwand.
Eine nette Idee: Astrid Andresen und Manuel Weinmann spielen zunächst auf der Bühne Filmausschnitte aus dem Klassiker "Casablanca", dann flimmert die Szene weiter in Schwarz-weiß über die Leinwand - nachgespielt von den beiden "Spessartgrottlern".
Das Publikum ist am Premierenabend begeistert und fordert mehrere Zugaben ein. Der Spessartgrotte gelingt eine wunderbare Hommage an die Superstars der Musikgeschichte. Helga Hartmann und ihr Team entführen in eine Welt der zeitlosen Melodien, herrlichen Leinwandstreifen und ganz großen Liebesgeschichten.



Urlaub mit Papa


von Michaele Schneider

Chaos und Liebesgeflüster am Strand

Spessartgrotten-Ensemble spielt Bühnenadaption von Dora Heldt's Roman "Urlaub mit Papa"

"Papa!" entfährt es Christine empört. Nicht zum ersten Mal an diesem Theaterabend. Denn "Urlaub mit Papa" kann ganz schön anstrengend sein und ist ein bisschen wie Ferien in der Irrenanstalt. Zu sehen ist die gleichnamige Komödie der Erfolgsautorin Dora Heldt jetzt in der Spessartgrotte in Gemünden-Langenprozelten.

Die Bühnenadaption stammt aus der Feder des Theater-Allrounders Jan Bodinus, Spessartgrotten-Regisseurin Helga Hartmann hat die Vorlage angereichert um deutsche Schlager der 50er bis 70er Jahre. Das Ergebnis: eine bunte, leichte, musikalische Boulevard-Komödie.

Es läuft nicht gut für Christine (Astrid Andresen). Frisch geschieden und die kinderlose Ehe davor ein absolutes Desaster, fragt sie sich jetzt: "Wo zum Henker bleibt eigentlich dieser blöde Prinz auf seinem scheiß Gaul?" Die Mittdreißigerin will nach Norderney zu ihrer besten Freundin Marleen (Iris Katzer) fahren, um mit ihr deren geerbte Pension zu renovieren. Und: Papa Heinz (Theo Gündling) kommt mit. Chaos ist vorprogrammiert, als auch noch die überdrehte Kölnerin Hannelore Küppersbusch, der trottelig-naive Lokalreporter Gisbert (Markus Wedde) und der attraktive Johann Thiess (Paul Seeger) in der Pension von Marleen und ihrem Verlobten Nils (Michel Schäfer) auftauchen. Dann der Skandal: Ein Heiratsschwindler soll auf der Insel sein Unwesen treiben!

Regisseurin Helga Hartmann tut gut daran, keine 1:1-Bühnenadaption des Romans anzustreben. Sie reichert spaßige Dialoge, bissige Kommentare, Irrungen und Wirrungen zum einen um witzige Ideen wie zum Beispiel Kaffe trinken bei Wellengang an. Und sie sorgt für Schlagerparty-Stimmung. Für Lachtränen sorgt dabei vor allem Markus Weddes erster Auftritt. In einer kleinen öffnung in der Kulisse erscheint sein Kopf. Mit Föhnwelle, Dauergrinsen und dramatischen Gesten scheint er den 70er Jahren frisch entsprungen. Leidenschaftlich und urkomisch singt er "Es fährt ein Zug nach Nirgendwo". Dazu flimmert ein selbst gedrehtes Video über die großformatige Leinwand. Markus Wedde ist sowieso der heimliche Star des Abends, beim Schlussapplaus gibt es gar eine Extrarose für den Musicaldarsteller aus dem hessischen Niddatal. Denn überzogene Rollen zu spielen, ist kein Leichtes. Während Tanja Green als überdrehte Kölnerin anfangs witzig, im Laufe des Abends aber fast ein bisschen zu schrill und laut agiert, lacht man über Markus Weddes Dauergrinsen und trotteliges Auftreten bis zum Schluss. Theo Gündling ist seine Rolle an diesem Abend auf den Leib geschrieben, Theo Gündling ist Papa Heinz. Und sehr gut kommt beim Publikum auch die Musicaldarstellerin Astrid Andresen als Christine an. Auf der einen Seite eine erwachsene, frisch verliebte Frau, auf der anderen Seite immer noch und für immer die Tochter vom Papa. Nette Ideen hat Helga Hartmann auch diesmal wieder im Bühnenbild umgesetzt: Das Publikum verfolgt eine Szene am angeblichen FKK-Strand in Schwarz-Weiß-Umrissen durch eine Leinwand, Christine und Johann dürfen beim Abendessen im romantischen Blau turteln und Gisbert spioniert hinter einem Blumentopf versteckt herum.

Ein bisschen Romantik, viele Szenen zum Lachen, Schlager und Chaos, das sich am Ende in Wohlgefallen auflöst: Mit "Urlaub mit Papa" ist in Langenprozelten ein leichtes Sommervergnügen zu sehen, wie es das Spessartgrotten-Publikum liebt.



von Roland Bauernschubert

Nur Peter Alexander hat noch gefehlt

Inszenierung "Urlaub mit Papa" in der Spessartgrotte bietet freche Parodie auf bekannte Unterhaltungsmuster

Die Zuschauer wären nicht überrascht gewesen, wenn plötzlich Peter Alexander auf die Bühne gekommen wäre, gesungen und getanzt hätte und mit durchschauberer Situationskomik mittelmäßige Witzchen untermalt hätte. Dann wäre das Abbild einer leichten Komödie, wie man sie aus Filmen der 60er und 70er Jahre kennt, perfekt gewesen.

Aber auch ohne Peter Alexander ist es dem Spessartgrotten-Ensemble gelungen, eine urkomische Persiflage auf die musikuntermalten Gassenhauer der damaligen Zeit zu bieten.

Zunächst wirkt die Darbietung von "Urlaub mit Papa" befremdlich. Kein Bühnenbild, kaum Requisiten und auch der Kaffee wird aus leeren Tassen getrunken. Sogar als Theo Gündling in der Figur des Papa Heinz Schmidt sich im Stück mit Kaffee bekleckert - sein Hemd bleibt trocken.

"Wir tun nur so als ob", scheinen die Darsteller in allen Szenen unverblümt vermitteln zu wollen. Die Dialoge sind in der Regel nur wenige Sätze lang, dann: Licht aus, Umbau und Szenenwechsel. Dazu vom Band allseits bekannte Schlager aus den sechziger und siebziger Jahren.

Die Inszenierung macht sich nicht einmal die Mühe, die Illusion einer nachgespielten Wirklichkeit zu schaffen. Selbst als Astrid Andresen und Paul Seeger als das Liebespaar Christine und Johann beseelt in den "wunderschönen Sonnenuntergang" blicken, verändert sich die mit Farblicht angestrahlte Bühnenrückwand nicht in den erwarteten Gelb-Orange-Ton. Sie bleibt schlicht hellblau.

Die Phantasie wird dem Zuschauer als Teil der Inszenierung einfach abverlangt. Und gerade daraus zieht das Stück seinen besonderen Reiz. Denn die Geschichte ist zu trivial und die Dialoge aus der Romanvorlage sind zu schlicht, als dass die Bühnenadaption damit punkten könnte. Aber Regisseurin Helga Hartmann ist es gelungen eine so freche Parodie auf - aus den 60er Jahren - gewohnte Unterhaltungsmuster zu schaffen, dass man als Zuschauer genüsslich auf den nächsten überschlag wartet.

Und der kommt. Mal in dem bis zur Groteske überzogenem Klischee der nervtötend in kölschem Dialekt keifenden aufgetakelten Tanja Green als Hannelore Küppersbusch, mal in dem immer ein bisschen zu lauten, zu sturen und zu besserwissenden Theo Gündling als Papa Heinz.

Besonders gelingt dies Markus Wedde als Klatschreporter Gisbert von Meyer. In jeder seiner Szenen sorgen sein schrilles Auftreten, seine aberwitzige Mimik und seine linkische Gestik für eine köstliche überzeichnung des klassischen Komödientrottels. Und wo im Peter-Alexander-Film ein Gunther Philipp als Tollpatsch die Szene betritt, übernimmt er in "Urlaub mit Papa" als Gisbert die Kalauer. So zum Beispiel, wenn er sich hinter einer dreißig Zentimeter hohen Topfpflanze "versteckt", die er sich vor die Nase hält.

Unbestreitbare Höhepunkte des Stückes sind die Gesangseinlagen von Astrid Andresen und Markus Wedde: Auf der Bühnenrückwand flimmern selbst gedrehte Musik-Videos mit Andresen als Nana Mouskouri und Wedde als Christian Anders. Dazu blicken die Schauspieler jeweils wie aus einem Wandbild aus der Bühnenseite und singen live und hervorragend "Guten Morgen, guten Morgen" oder "Es fährt ein Zug nach nirgendwo" zu ihren Videos. Damit gelingt dem Ensemble um Helga Hartmann wieder eine grandiose Parodie auf das Unterhaltungsgenre durch die Umkehrung des gewohnten Playback-Gesangs.

"Urlaub mit Papa" sahen leider in Anbetracht des Inszenierungs-Witzes und der schauspielerischen Darbietungen am Sonntagabend deutlich zu wenige Zuschauer in der Spessartgrotte.